Exkursion der neunten Klassen nach Dachau

„Junge Menschen müssen wissen, welches Leid von Deutschland ausgegangen ist. Sie müssen lernen, wie sie extremistischen Tendenzen entgegentreten können.“

Angela Merkel

Dies ist das Ziel der historischen Exkursion der Schülerinnen und Schüler der Klassen 9 zur Gedächtnisstätte in Dachau, das auch der Programmatik der UNESCO-Schulen im besonderen Maße entspricht.

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Bildquelle: Wikipedia commons

Geschichte vor Ort zu erfahren kann ein nachhaltig veränderndes Bildungs-Erlebnis werden. Aber nur, wenn der bekannte geistige „Lähmungseffekt“ vermieden wird, den inszenierte Betroffenheitsrituale und eine um politische Korrektheit bemühte „Gedächtniskultur“ hervorrufen.

Deshalb müssen die Erlebnisse und Eindrücke der Schüler  im Unterricht besprochen und gemeinsam interpretiert werden.

Dazu gehört die Aktualisierung des in der vermeintlich abgeschlossenen „Geschichte“ versteckten Gehalts. Eine Kompetenz „geschärfter Sensibilität und erhöhter Aufmerksamkeit“ für Menschenrechtsverletzungen muss geschaffen werden.

Aus dem distanzierenden und relativierenden Erlebnismoment – „Wie furchtbar war es doch, was „die Deutschen“ „den Juden“ damals angetan haben!“ – muss die Bereitschaft werden, moderne Formen der Menschenrechtsverletzungen und autoritäre politischen Tendenzen in ihrer Differenziertheit zu erkennen, besonders diejeingen, die nicht plump antisemitisch auftreten, sondern sich demokratisch und liberal darstellen.

Die politikfromme didaktische Absicht, die Schüler zu dem Wunsch zu führen, „dass sich derartiges nie wiederholen möge“ verdeckt gerade den eigentlichen Sinn des Geschichtsunterrichts. Geschichtsunterricht muss erfahrbar machen, wie sich immer neue Formen der Unmenschlichkeit ereignen können. Weder Genozide noch ethnische Säuberungen oder unmenschliche Arbeitsverhältnisse bis hin zur Versklavung von Menschen sind historisch „erledigt“. Sie ereignen sich täglich neu.

Bereits beim Betreten des Geländes durch das geschmiedete Eisentor mit dem pervertierten und zynisch wirkenden Sinnspruch „Arbeit macht frei“ fällt der Blick des Besuchers auf die weite Fläche des Lagers, auf der noch heute nachgebaute Häftlings-Barracken zu besichtigen sind.

Die Weite des Appellplatzes, auf dem Häftlinge stundenlang regungslos ausharren mussten, kontrastiert stark mit der räumlichen Enge der Baracken. Die Anlage der „Baracke X“, die aufgrund stetig steigender Todesfälle um ein zusätzliches Krematorium erweitert werden musste, veranschaulicht die Ideologie der Nationalsozialisten.

In diesem System, das sich des Staates zur Durchsetzung seiner Ziele bediente, hatte das „Fremde“ und „Andersartige“ keinen Platz. Wer nicht in das Schema des „guten Deutschen“ passte, wurde in einem bürokratisch perfekt organisierten Ordnungssystem aussortiert, registriert, klassifiziert, uniformiert, etikettiert, renditeorientiert bewirtschaftet und zuletzt wie Abfall kostengünstig und hygienisch „entsorgt“:  Juden, homosexuelle Männer und Frauen, „Zigeuner“, Zeugen Jehovas, Adventisten, Kleriker, die sich nicht an die Stillhalteabkommen ihrer Kirchen gehalten hatten, Kommunisten und Pazifisten, Deserteure und „Wehrkraftzersetzer“, „Asoziale“, Rassenschänder und andere wurden in einem perfiden System totaler auch gegenseitiger Disziplinierung und sozialer Kontrolle unterworfen. Sie wurden oft durch Arbeit und Unterernährung erniedrigt, unterworfen und vernichtet.

Eine wichtige Rolle bei ihrer Unterdrückung spielten die Opfer selbst. Jeder Zehnte war ein sogenannter „Funktionshäftling“. Die Unter-, Ober- und Haupt-Kapos waren unersetzlich, um der kleinen SS-Wachmannschaft  den reibungslosen „Betrieb“ des Lagers zu ermöglichen. Belohnt wurde man durch ein billiges Motivierungssystem: den Besuch eines Lagerbordells mit Zwangsprostituierten.

Ziel dieser ausgeklügelten Herrschaftsordnung, die sich der Schwächen der Menschen perfekt bediente, um sie um so besser zu kontrollieren, war einmal die sichere Organisation des Lagers durch wenige Wachmänner,  anderersseits aber auch die Entwürdigung und Entmenschlichung der Häftlinge in den Augen der Wärter und Kapos wie ihrer selbst. Die Inhaftierten sollten sich selbst als der Abschaum fühlen und zu dem Abschaum werden, der sie in den Augen der anderen waren.

Nicht zuletzt wurde damit auch die übrige Bevölkerung diszipliniert, da man kaum etwas mehr fürchtete, als an diesen Ort gebracht zu werden.

KZs hatten neben der Repressionsfunktion also auch eine „Terrorfunktion“.

Bedenklich muss es jeden Beobachter stimmen, zu sehen, dass ein solches System in seiner effizienten und perfiden Rationalität bis zum letzten Moment reibungslos funktionierte und sogar noch eine ökonomische Rendite erwirtschafte, nicht zuletzt für die namhaften deutschen Firmen, die sich der billigen und oft gut ausgebildeten Arbeitskräfte bedienten.

Manch peinliches Kapitel deutscher Geschichte bleibt dabei bis heute weitgehend ausgeklammert: Die fortgesetzte Diskriminierung eines Teils der früheren Häftlinge, besonders der politischen, wenn sie Kommunisten waren, der Homosexuellen, der Wehrmachtsdeserteure, „Wehrkraftzersetzer“, der Sinti und Roma und der „Asozialen“, die nach dem Krieg oft nicht oder kaum rehabilitiert oder gar angemessen entschädigt wurden.

Teil der Geschichte Deutschlands sind auch die nicht gesühnten Rechtsverbrechen deutscher Justiz und der beschämende Friede, dem die junge Bundensrepublik „notgedrungen“ mit der früheren „Elite“ schloss. Die „unersetzlichen Experten“ der Führungsebe eines Unrechtsstats konnten oft nach dem Krieg ihre Karrieren im demokratischen Deutschland nahtlos fortsetzen und danach ihre Pensionen genießen.

Auf dem langen Weg über das Gelände zurück zum Eingangstor fällt der Blick der Schüler auf die Skulpturen und Gedenktafeln vor dem Wirtschaftsgebäude. Sie erinnern uns an die vielen Opfer unmenschlicher politischer Ideologien, mahnen uns eindrücklich zur Wachsamkeit und rufen uns alle gerade heute wieder zur Achtung der Menschenrechte auf.

Ideologisch begründete Gewalt ist nicht vergangen, sondern gegenwärtig. Die menschenverachtende Gewalt gegen Frauen, Kinder, Ehnien, Minderheiten, Menschen anderer Sprache, anderen Glaubens oder anderer Hautfarbe sind in unserer Welt –  und oft auch vor unserer Haustür – immer noch an der Tagesordnung.

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Quelle: wikipedia commons

Bildquellen:
– wikipedia commons: user ANKAWÜ; https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/ed/D-BY-Dachau_-_KZ-Gedenkst%C3%A4tte_Dachau_3185.JPG
– wikipedia commons: user Guido Radig; https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b9/KZ_Dachau_HDR_-_Darkroom.jpg

weiterführende Literatur:

http://edoc.hu-berlin.de/humboldt-vl/jacobeit-sigrid-2002-11-05/PDF/Jacobeit.pdf